...Von den älteren zu den neueren Bildern Seidemanns gibt es keine Brüche, aber doch Wandlungen. Bei einigen erscheint es mir so, als ob sich das Interesse nicht mehr auf den Bildraum und das Bildganze richtet, nicht mehr so sehr auf die Einbindung der Bildmomente und ihre expressive Verdichtung, sondern als ob Flächen, Linien, Lokaltöne singulär geworden sind, sich wohl aufeinander beziehen, aber doch als Selbstwerte sprechen und auf der Fläche agieren; daß sie auch als Effekte begriffen werden, ohne simpel als solche ausgespielt zu werden. Die Bilder wirken flächenbewußt gebaut, aber nicht gerüsthaft, wie die früheren, bei denen der kultivierte malerische Duktus sowohl die Strukturierung der Bildfläche wie die Brechung, Relativierung der Strukturen bewirkt.

Die Verhaltenheit der Malerei Seidemanns scheint mir überformt durch die Direktheit, mit der Farbe, Flächen-, Linienfloskel sprechen und agieren. Der Umgang mit den Ausdrucksmitteln, ihre Logik und Lebendigkeit kommen aus dem Malprozeß, wie ihn sich Seidemann erarbeitet hat. Die Bildmomente und -effekte werden davon gehalten und getragen. Es sind in jedem Fall stabile Bilder, und sie formulieren die Sinnlichkeit der Malerei. Bei aller unvermeidlichen und auch notwendigen Irritation ist der Wille zum Bild da. Der Maler mit dem Willen zum Bild muß verhindern, daß die Malerei verschwindet, daß sie - dem Zug der Zeit folgend - geistig bedeutungslos wird, wer sonst sollte das leisten.

Dr. Jens Semrau
(aus dem Katalog Martin Seidemann Malerei – Arbeiten auf Papier)